Auszug aus der Festschrift „50 Jahre Hannoverscher Aero-Club e.V.“             Das ist der HAeC                                              Autor:    Herwig Pannenberg    1971   Die Nase des Segelflugzeugs senkt sich unter der Horizontlinie. Es ist Zeit auszuklinken. Die Hand des Piloten greift nach einem gelben Heben. Ein Ruck – frei schießen Mensch und Flugzeug hinaus in die Luft, die nun etwas leiser, fast wispernd die Kabine umgibt. Kein Motorenlärm stört, nur die Zeigerbewegung des Fahrtenmessers sagt aus, dass es vorwärts geht mit achtzig km/h, 300 Meter über der Erde.   Wie immer, geht auch diesmal der Blick des Piloten wieder in die Runde. In einer leichten Rechtskurve taucht unten das Band der Autobahn, dann der glitzernde Strich des Kanals auf. Als eine weit oben stehende weiße Wolke erreicht ist, hat das Flugzeug im Gleitflug kaum 30 Meter Höhe verloren.   Die bisher ruhige Luft wird jetzt lebhaft. Turbulenz zupft an den Rudern, der Pilot spürt sie im Steuerknüppel. Instrumentennadeln schlagen aus. Da packt auch schon eine unsichtbare Kraft das Flugzeug und hebt es hoch. Eine Sekunde verharrt die Hand am Steuerknüppel, dann zwingt sie den weißen Vogel in einen engen Kreisflug. Leicht zitternd bohrt die linke Tragfläche in der kreisenden Spielzeuglandschaft. Hochkonzentriert blicken zwei Augen auf Instrument und den Horizont, der jetzt in steilem Winkel, in rasanter Fahrt von schräg oben her durch das Gesichtsfeld zieht.   Von irgendwoher sind plötzlich auch die Bussarde da und „mischen mit“. Sie fürchten sich vor „dem Riesen ohne Schnabel und Krallen“ schon seit langem nicht mehr. Gemeinsam geht es Hunderte von Metern aufwärts. Als man die Höhe der Wolke fast erreicht hat, ist die Erde unter einem winzig klein geworden.   Vor kaum drei Jahren war für diesen Piloten der Segelflugsport noch unbekannt. Etwas vorstellbar Schönes, aber unerreichbares. Eines Tages im Juni sah er von seinem Garten aus zu, wie eine Gruppe lautloser Flugzeuge der Reihe nach einen unsichtbaren Punkt am Himmel ansteuerten, sich zum Pulk formierten und in wenigen Minuten vor dem tiefblauen Hintergrund kaum noch auszumachen waren.   Zehn Minuten später stand dieser Zuschauer auf dem Segelflugplatz. Fragen und Antworten. Alles wollte er über diesen Sport wissen. Mit Interesse besichtigte er das Vereinsheim, Klub- und Kantinenräume, Modell- und Segelflugwerkstätten. Er vernahm, dass Leute aus allen Schichten diesen Sport betreiben, sich aber voll den Spielregeln anschließen, die für alle gelten: gemeinsam fliegen, gemeinsam warten, bauen und den Verein führen. Nach einem Probeflug verließ er abends mit dem Vorsatz, sich ein herrliches Hobby zu erschließen, den Flugplatz.   Während unser Pilot nun in tausend Meter Höhe der nächsten Wolke entgegengleitet, gehen seine Erinnerungen an die Zeit der Ausbildung zurück. Kaum dass er seine Unterlagen – Fliegertauglichkeitszeugnis, Geburtsurkunde, Passbilder, Erklärung über Strafverfahren, alles, was ein Behördenherz so begehrt – abgegeben hatte, seine ersten Gebühren entrichtet waren, übernahmen ihn ehrenamtliche Ausbilder und ließen eine Flug von Theorie und Praxis über ihn hereinbrechen. „Siehst Du dort hinten das Blechdach, in dem sich die Sonne spiegelt? Darauf wollen wir nun einmal zufliegen, sauber Kurs halten ... aber jetzt hängt die rechte Fläche etwas, ja ... nicht die Nase hochnehmen, Fahrt ist das halbe Leben, ... und darauf achten, dass uns das Ziel nicht seitwärts ... so, ja, nun versuchen wir einmal eine Linkskurve ... ogottogott, ach, das lernen wir auch noch“. Und später im Unterricht: „Alle Starrflügler müssen vorwärts gleiten, um flugfähig zu bleiben. Was der Motorflieger mit dem Gas macht, erreichen wir Segelflieger, indem wir „die Nase“ senken. Wir nehmen Fahrt auf. Wir müssen sinken. Um wie viel, hängst von der Konstruktion ab. Wichtig alleine ist es, in Luftmassen zu kreisen, die schneller steigen als das Flugzeug sinkt.   „Wir haben ein Gerät, das uns den Aufwind anzeigt“, sagte der Fluglehrer, während er sich auf dem zweiten Sitz anschnallte. Hier endete aber Gott sei Dank fürs erste die noch unverdaute Theorie, denn es galt, sich auf den Start zu konzentrieren. Ein buntbemalter alter Wagen hatte das Ende eines 1000 Meter langen Stahlseils gebracht, an dem nun einige Kameraden einen kleinen Seilfallschirm befestigten. Haube zu. Checkliste. Fertig? Fertig! Fläche gerade, Einklinken, feuchte Hände, ein Ruck, flitzendes Gras, kurzes Holpern, frei. Lehrer und Schüler bemerken über sich Dunst, der im Begriff stand, als Wolke Gestalt anzunehmen. „Achte auf das Variometer“, mahnte der Lehrer noch und begann zu kreisen. Nach zwei Korrekturen lag das Flugzeug sauber im Aufwind. Der Schüler sah, dass es mit mehr als 2 m/s stieg, schwieg aber, weil ihm alles noch sehr spanisch vorkam. „In den 20er Jahren wusste man noch nicht, dass auch über der weiten Landschaft ein regelrechter Wald von ‚Aufwind-Bäumen’ bestehen kann. Die Wurzeln liegen auf der Erdoberfläche, man muss sie erahnen, der Stamm ist unsichtbar, die Kronen aber siehst Du als Blumenkohl-Wolken. Damals jedoch kannte man nur den Gebirgshang, an dem der Wind schräg nach oben abgelenkt wurde.“   „Kannst Du erkennen, wie schnell wir steigen?“, fuhr der Lehrer fort. Als der Schüler bejahte, dozierte er weiter: „Hinter dem Instrumentenbrett befindet sich eine Thermosflasche, die über einen dünnen Schlauch mit dem Instrument verbunden ist. Seigen wir, fällt außer der Druck, und Luft strömt aus der Flasche in das Instrument. Fallen wir, geschieht das gleiche, nur anders herum“.   Während die beiden sich in steilen Spiralen aufwärts schraubten, fuhr der Lehrer fort mit der Erklärung feinerer und komplizierterer Varianten dieses wichtigen Gerätes. „Aber sie alle basieren auf dem Prinzip des Luftdruck-Vergleichs zwischen eben und jetzt“, und in der Haubenspiegelung erscheint sein erhobener Zeigefinder: „Nur kann keines von ihnen das fliegerische Feingefühl ersetzen, das du entwickeln musst!“   Sie waren inzwischen so hoch gestiegen, dass der Schüler das Steuer übernehmen durfte. Der Aufwind war zwar sofort verloren, aber der Lehrer meinte, man müsse nun ohnehin mit den Übungen beginnen. Also wieder Kurs auf das Blechdach am Horizont, linke Fläche nicht hängen lassen, Fahrt halten, sie ist das halbe... und so weiter.  Gleißend liegt der Maschsee in der Nachmittagssonne. Die Silhouette der Boote ziehen ein scheinbar sinnloses Durcheinander von Spuren in das grelle Glitzern.  Als unser Pilot wieder den Aufwind verspürt und sich steil zur Seite legt, sieht er, dass er nicht alleine ist. Ein Vereinskamerad ist ihm gefolgt und schenkt nun ebenfalls ein. Beide Segelflugzeuge liegen sich im engen Kreis gegenüber. Ein kurzes Knacken mit dem Mikrofonknopf zur Begrüßung, und aufwärts geht die Post. Ursprünglich wollten sie heute gemeinsam einen Überlandflug auf Dreiecksstrecke fliegen. Der Verein hätte in diesem Jahr noch gut einige Leistungsflüge brauchen können, um seinen Platz in der Landeswertung auszubauen. Aber die Sonne war erst gegen Mittag durchgekommen, so dass das späte Einsetzen der Thermik keine größeren Streckenleistungen mehr ermöglichte. Dabei hatte man sich alles so schön überlegt. Das Dreieck sollte rechts herum abgeflogen werden, es hätte bedeutet, dass die Strecke Wildeshausen/Oldenburg nach Hamburg, mit seinen feuchten Niederungen und Mooren, zwar unter erschwerendem Gegenwind zu bewältigen wäre, man aber durch den Rückflug abends über die Thermisch sichere Heide bestens entschädigt wäre. Nun, vielleicht das nächste mal.  Als sich in den Haupt-Einfallsstraßen lange Schlangen rückflutender Wochenendurlauber zu bilden beginnen, ziehen hoch an Hannovers Himmel zwei Flugzeuge ihre Bahn mit Kurs auf Vahrenwald-Nord. Sie werden sehnsüchtig von anderen Fliegern erwartet, die den Rest des Tages nutzen wollen. Über der Eilenriede wird die Luft noch einmal holprig, dann folgt ein langes, ungestört ruhiges Abgleiten.  Über dem Industriegelände Vahrenheide werden die Landeklappen ausgefahren. Eine letzte Kurve über der Heeresoffiziersschule, anschweben über zerwühltem Panzergelände, Zaun, Landekreuz, erstes Berühren hoher Grashalme. Die Erde hat sie wieder. Einige hundert Meter querab, im „Böttcher-Hain“, neben dem Clubhaus, nehmen Familienangehörige von den Vorgängen kaum Notiz. Sie liegen in der Sonne, trinken irgend etwas Kaltes und schlichten vielleicht einen Kinderstreit, wenn es um Sandkiste oder Schaukel geht. Das ist der HAeC.